Weitsichtigkeit (Hyperopie, Hypermetropie, Übersichtigkeit)

hyperop
Bei unkorrigierter Hyperopie (a) wird im nicht akkommodierten Auge das Bild hinter der Netzhaut entworfen. Durch ein Konvexglas wird der Brennpunkt auf die Netzhaut verschoben, so dass eine scharfe Abbildung möglich ist (b).

Bei der Hyperopie ist die Gesamtbrechkraft des Auges zu schwach bzw. der Augapfel zu kurz. Einfallende Lichtstrahlen werden, sofern nicht akkommodiert wird, erst hinter der Netzhaut vereinigt. Da durch Akkommodation die Brechkraft der Linse verstärkt werden kann, ist es für junge Menschen prinzipiell möglich, eine Hyperopie durch Akkommodation auszugleichen (latente Hyperopie). Dieser scheinbare Vorteil gegenüber dem Myopen wird allerdings durch einige Nachteile wieder ausgeglichen:

  • Im Alter, wenn die Akkommodation nachlässt, kann der Hyperope ohne Brille weder in der Ferne noch in der Nähe scharf sehen; der Myopie sieht dann wenigstens in der Nähe scharf.
  • Mit der Akkommodation ist normalerweise ein Konvergenzimpuls verbunden. Ausgleich der Hyperopie durch Akkommodation kann daher zu Einwärtsschielen führen.
  • Wenn ein junger Hyperoper ohne Brille Lesen will, muss er erheblich stärker akkommodieren als ein Normalsichtiger oder als ein Myoper mit Brille; dies kann zu Beschwerden, wie z.B. Kopfschmerzen und vermehrtem Tränen führen. Außerdem wird die Akkommodationsfähigkeit bereits ab dem 10. Lebensjahr kontinuierlich schlechter.

 

Ursachen der Hyperopie
Achsenh. (häufig) zu kurzer Augapfel (normales Auge ca. 24 mm, bei Achsenhyperopie 20-23 mm. Faustregel: Änderung der Länge um 1 mm ändert die Refraktion um 3 Dioptrien)
Brechungsh. (seltener) zu geringe Brechkraft des optischen Apparats, z. B. bei Abflachung der Hornhaut od. Verlust der Linse

 

Klinische Einteilung
latente Hyperopie erkennbar erst nach Aus­schal­tung einer kompen­sa­torisch bereits für den Fernblick ein­ge­schalteten Akkommodation
manifeste Hyperopie bezeichnet den Anteil der Hyperopie, der bereits ohne Zykloplegie messbar ist. Steigt mit zunehmendem Alter infolge abnehmender Akkommodationsfähigkeit

 

Atkinson und Mitarbeiter konnten bei Screeninguntersuchungen ganzer Jahrgänge in Cambridge zeigen, dass bei 9 Monate alten Kindern mit einer Hyperopie von 3 dpt das relative Risiko in den nächsten 2 Jahren zu schielen durch Rezeptierung einer Brille vom 13-fachen auf das 4-fache und das relative Risiko einer Amblyopie vom 6-fachen auf das 2,5-fache reduziert werden kann.

Bei Screeninguntersuchungen ohne Zykloplegie wird bei jedem 3. Kind falsch gemessen. Daher kann bei der Refraktionsbestimmung bei Kindern nicht auf die Zykloplegie verzichtet werden.

Kinder, die nach dem 6. Lebensmonat eine zunehmende Hyperopie aufweisen, haben ein erhöhtes Schielrisiko und sollten daher vorsorglich korrigiert werden.

In einer Studie wurde nachgewiesen, dass kein Patient mit einer nicht korrigierten Hyperopie von über 3,0 dpt eine Endsehschärfe von über 1,0 erreichte. Dies ist sonst bei vielen hyperopen Jugendlichen und Erwachsenen der Fall. Bei höheren Hyperopien wird die meiste Zeit nicht so stark akkommodiert, dass ein ganz scharfes Bild auf der Netzhaut entsteht. Daher resultiert oft eine geringgradige Amblyopie. Damit sollte auch aus Visusgründen bei jedem Patienten mit einer Hyperopie von über 3 dpt eine Brille verordnet werden. Ob von dem in Zykloplegie gemessenen Wert nur 0,5 dpt oder mehr Dioptrien abgezogen werden sollen, kann bei nicht-schielenden Kindern diskutiert werden. Dazu liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Möglicherweise hat das Tragen einer Brille bei hyperopen Kindern einen bremsenden Effekt auf das Augenwachstum. Das würde bedeuten, dass die Chance für eine spontane Reduktion der Weitsichtigkeit innerhalb der nächsten Lebensjahre herabgesetzt wäre. Bisherige Studien lieferten hierzu uneinheitliche Ergebnisse. Dieser allenfalls geringe Einfluss muss gegen den sicheren Vorteil abgewogen werden, dass mit Brille eine bessere Endsehschärfe (Erwachsenenalter) zu erreichen ist, und dass ein Schielen seltener auftritt.